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Es ötztalert wieder!

tztaler2009Wieder mal war der RSC Rietberg beim Ötztaler Radmarathon vertreten. Anja, Ralf und Thomas, also die, die immer den Ötzi fahren, hatten dieses Mal tatkräftige Unterstützung von unserem "Alles, aber keine Berge-Fahrer" Markus. Beindruckend und in seiner ganz speziellen Art zu schreiben, schildert dieser seine Eindrücke vom härtesten Eintages-Rennen der Welt. Viel Spaß beim lesen!

Samstag, 29.09.2009 - Anreise

Es geht Schlag auf Schlag weiter dieses Jahr. Nachdem ich bereits zwei Radmarathons in unserer flachen Heimat und den Jeantex-Transalp bewältigt hatte, durfte der Ötztaler-Radmarathon natürlich nicht fehlen. Ich muss dazu sagen, dass diese ewig lange, nicht enden wollende Quälerei überhaupt nicht mein Ding ist. Nun ja, wer A sagt, sollte auch B sagen, dachte ich. Es war also mit geringem Aufwand in meine - für mich durchwachsene Saison integrierbar. Außerdem sollte das Thema Ötzi dann, ein für allemal, vom Tisch sein. Leider galt auch hier im Vorfeld: „Gut gestürzt gleich gut gefahren", oder so ähnlich. Vor dem Transalp lief mir, bei einer RTF, ein Hund ins Rad und verursachte einen materiellen Totalschaden. Diesmal maulte ich mich eine Woche vor dem Ötztaler-Radmarathon bei einem Amateurrennen und scheuerte mir auf der linken Seite die komplette Tapete runter. Zu der recht imposanten Asphaltflechte gesellten sich reichlich Prellungen und Einpiekslöcher. Radsport ist halt kein Kindergeburtstag. Ins Boxhorn wollte ich mich deshalb aber nicht jagen lassen.

Wir hatten unsere Sportgeräte bereits am Vortag verladen. Anja war so gewieft, darauf zu bestehen, dass ihr Rad oben lag. Das sollte sich später noch als vorteilhaft herausstellen. Ralf  ist stolzer Eigner eines VW Caddys, in dem sehr viele Radsportutensilien Platz finden. Er kam um circa 9:00 Uhr, und es ging los. Die Reiseroute verlief analog zu unserer (Anjas & meiner) Anreise zum Jeantex-Transalp, vor ungefähr 8 Wochen. Ab Füssen wurden die Berge mächtiger und damit auch unsere Erinnerungen. Vergeblich versuchten wir Ralf davon zu überzeugen, den kleinen Umweg über das Hahnentennjoch zu machen. Seine Meinung war unumstößlich, und deshalb fanden wir uns schnell im Stopp- and Go-Verkehr am Fernpass wieder. Als wir das Ötztal erreichten, überholten wir Thomas, der mit dem Zug samt Rennrad aus München angereist war. Er befand sich bereits seit einer Woche im Alpenraum und hatte eine Woche zuvor den Alpen-Challenge in Lenzerheide erfolgreich absolviert. Seine Rennmaschine hatte er über und über mit Packtaschen bepflanzt und trug zusätzlich einen Rucksack auf den Rücken. Alter!!! Kennt ihr „Tim und Struppi" im Himalaya? Die hatten da bei einer Expedition jede Menge Lamas mit solchen Buckeltaschen dabei. Nur 'mal so, als Beispiel. In mir stieg sofort die Erkenntnis, dass ich nicht hart genug bin für diese Welt. Erst viel später, im Hotel, wurde mir klar, welche lebensnotwendigen Helferlein Thomas da so mit sich führte. Als da wären: Tourhefte, Winterjacke, Cola-Flaschen, tausender Packung Knoppers...

Es war sehr schwer, einen Parkplatz in der Nähe der Akkreditierung zu bekommen. Das Dorf war über und über von Radsportenthusiasten belagert. Das Wetter hatte sich im Verlauf der Anreise deutlich verschlechtert. Es gab nun eine geschlossene Wolkendecke aus der einige wenige Regentropfen fielen, und die Temperatur war von 26° auf 15° Celsius gefallen. Ich trug eine kurze Hose und fror mir den Arsch ab. Die Akkreditierung dauerte weitere 30 Minuten, denn wir mussten noch auf Thomas warten. Alles kein Problem. Die Hotelanfahrt erwies sich da schon als schwieriger. Das Hotel befand sich oberhalb von Sölden und war nur durch eine Straße mit 16 % Steigung zu erreichen. Thomas hatte auf seinem Rad schwer zu knautschen. Wir bezogen unser unspektakuläres Appartement mit zwei Doppelzimmern, Küche und großem Bad. Hurtig steckten wir unsere Boliden zusammen und stellten sie in einer geräumigen Scheune unter. Hier standen bereits die Räder der ungarischen Nationalmannschaft, die mit fünf Fahrern angereist waren. Es wurde spät, und unsere Mägen knurrten laut um die Wette. Die Freizeitarena befand sich unterhalb unseres Hotels, scheinbar zum Greifen nahe. Dort fand die Akkreditierung, Pasta-Party, Siegerehrung und der ganze andere Hokuspokus statt. Der Weg dorthin war steinig und steil. Ich bat Anja um Gnade, damit sie nicht wieder den Berg herunter sprintete. Sie hielt sich überwiegend daran. Es gab haargenau dasselbe Essen wie bei der Jeantex-Transalp-Tour vor acht Wochen. Pasta mit Bolognese, Meeresgetier, Pesto und Gemüse. Dazu den überaus kreativen Eisbergsalat „Lieblos an Dressing". Das Meeresgetier hatte ich in positiver Erinnerung behalten. Deshalb langte ich ordentlich zu. Meine Vereinskollegen sahen das ähnlich, wie ich feststellte. Den Salat sparten wir uns, stattdessen spendierte Thomas eine große Portion Kaiserschmarren für alle. Eine wirklich salomonische Entscheidung. Ich hatte die Fütterung fast beendet, als mein Arbeitkollege Schorsch vorbeischaute. Mich traf der Schlag, als er sagte, dass er nicht mitfahren könne. Er hatte aus gesundheitlichen Gründen nur unzureichend trainieren können in den letzten fünf Wochen und wollte sich die Quälerei von daher nicht zumuten. Das tat mir sehr Leid für ihn, denn der Ötztaler-Radmarathon war eigentlich sein Saisonhöhepunkt. Erstmals machte ich mir Gedanken darüber, ob es sinnvoll sei, dass ich mitfahre, denn ich hatte muskuläre Probleme vom Sturz. Egal. Da wir das Briefing verpasst hatten, zogen wir uns nach dem Essen direkt ins Hotel zurück. Es war bereits sehr kalt geworden, und die Diskussion der Bekleidungsfrage war in vollem Gange. Ich entschloss mich für kurze Trägerhose, Trikot mit Ärmlingen, Windweste und weiße Überschuhe im Belgium-Bootie Style. Ach ja, und lange Strickhandschuhe. Die anderen selektierten zusätzlich Knielinge und z. T. Regenjacken. Wir legten die Klamotten noch zurecht und hauten uns auf 's Ohr. Schlaf gut, John-Boy!

 

Sonntag, 30.09.2009 - Hell on Earth

Es muss so gegen 1 Uhr morgens gewesen sein, als mich eigenartige Geräusche weckten. Ich dachte zuerst an eine kalbende Almkuh. War 's aber nicht. Anja röchelte aus der letzten Fuge und sah aus wie das Leiden Christi. Sie hatte sich eine Magen-/ Darmgeschichte eingefangen und machte viel Betrieb beim Wechselspiel Bett / Klo. Weitere Details wollt ihr sicher nicht erfahren. Den Start kann sie sicher knicken, schoss es mir durch den Kopf. Sie war am Boden zerstört - verständlich. Die Prozedur dauerte alles in allen 90 Minuten und ich hatte das Gefühl, dass das ganze Hotel nun auf den Beinen sein musste. War 's aber nicht. Das ganze war so schnell vorbei, wie es gekommen war. Nur der Mineralienhaushalt von Anja lag nun im Klo oder im Bodensatz des Plastikeimers, würg. Um 2:30 Uhr versuchten wir wieder einzuschlafen. Pffffff...

tztaler2009

Thomas, Anja, Ralf & Markus (v. l. n. r.)

Um 4:30 Uhr döddelte der Handywecker von Madame.

...Riders in the storm...

Ich sprang in meine Hose und zog mir ein Longshirt über. Anja waren die Eskapaden der Nacht nicht mehr anzusehen. Ihr ging es wieder gut. Der Frühstücksraum war mit uns und den Puszta-Jungs ausgefüllt. Ich haute mächtig rein. Thomas und Ralf frühstückten verhaltener, jeder macht halt so sein Ding. Anja bekam zusätzlich Magnesium-/ Calciumtabletten und Basicapulver für die Trinkflasche. Die Gute sollte ja nicht vom Rad kippen...

Nach der intimen Präparation eines jeden einzelnen rollten wir zu Tal zur Startaufstellung. Es war nun etwa 6:00 Uhr. Die Startaufstellung stellte sich mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt als sehr frisch dar. Das schreckte aber die bereits vorhandenen 2000 Starter nicht davon ab, sich ebenfalls so früh aufzustellen. Ja, sind den hier alle so bekloppt? Zitternd verrann auch diese Zeit, und es ging los. 40 Minuten talabwärts mit mehr als 45 km/h in einer kurzen Radhose bei 3° Celsius. Nach 15 Minuten hatte ich bereits große Schwierigkeiten, den Lenker gerade zu halten. Mein Zittern war so stark, dass ich das Rad nicht mehr richtig unter Kontrolle hatte. Zuerst dachte ich an einen Höhenschlag im Laufrad. Das war aber zum Glück nicht der Fall. Ich wünschte mir ganz doll den Anstieg zum Kühtaisattel herbei. Leider zog der sich noch lange hin, und ich musste kampflos Position um Position aufgeben, weil ich nicht mehr vernünftig steuern konnte. Eine astreine Unterkühlung war das. Bei der Tumpenabfahrt stand ich kurz vor der Aufgabe. Dann war er da, der Kühtaianstieg. Endlich! Am Fuß herrschte reges Treiben von Mitstreitern, die ihre warmen Sachen an Angehörige abgaben. Dadurch bildete sich ein kleiner Stau, den ich dazu nutzte, meinen Tachomagneten zu richten. Leider verrutschte das doofe Ding andauernd. Im Anstieg versuchte ich zuerst, meine Körpertemperatur auf vertretbare 25° Celsius zu steigern. Es dauerte sehr lange. Viel schlimmer war, dass ich mir ordentlich die Blase verkühlt hatte und dadurch im Anstieg dreimal Lulu machen musste. Das Prozedere dauerte leider ein Ewigkeit, war wohl eingefroren.

Oben auf dem Kütai befand sich die erste Labestation. Die Schilderungen im Vorfeld verhießen nichts Gutes, deshalb entschloss ich mich dazu, nicht anzuhalten und bannte mir meinen Weg durch die Massen. Die Abfahrt war zwar kühl, aber durchaus erträglich. Nun hatten wir Innsbruck erreicht. Dort schlüpfte ich in einer großen Gruppe unter, und wir fuhren zügig in Richtung Brenner. Dabei verpflegte ich mich ausgiebig und tauschte die langen Strickhandschuhe gegen kurze ein. Kurz vor Gries legte ich erneut einen negierten Tankstopp ein. Die Gruppe zog am Firmament davon. Allein auf weiter Flur erreichte ich die Kalorientankstelle am Brenner. Hier füllte ich in aller Ruhe meine Flaschen auf und verpflegte mich ausgiebig mit Kuchen- und Obststücken. Anschließend folgte die Abfahrt vom Brenner. Ruck zuck war Sterzing erreicht. Der Jaufenpass stand mir nun im Weg. Am Fuß hielt ich an, um meine Weste und Ärmlinge endgültig im Trikot zu verstauen. Der Pass entpuppte sich als elend lang und war mit sehr monotonen Steigungsprozenten gespickt. Ich kettete die kleinst mögliche Übersetzung (36/26). Nach kurzer Zeit begann das Drama. Klack, Knarz, Krach... Die Kette konnte sich nicht recht für ein Blatt entscheiden. Ein Treten unter stärkerem Druck war nicht mehr möglich. Ich musste abermals anhalten und die Schaltung nachtrimmen. Mann, Mann, Mann! Nach 1:20:58 Stunden war das Drama Jaufenpass Geschichte. Kurz hinter der Passhöhe befand sich die Jausenstation. Ich füllte meine Bevorratung auf und verpflegte mich abermals mit Kuchen, Obst und Cola. Zusätzlich ließ ich mir Magnesiumpulver für die Trinkflaschen reichen, weil ich im Anstieg ein leichtes Zwicken in der Wadengegend verspürt hatte. An den Kalorientankstellen herrschte Krieg. Einige Vollpfosten fuhren mit ihrem Rad direkt an die Verpflegungstapeziertische und benahmen sich dadurch „wie die Axt in Walde". Mir schwoll der Kamm und der anschließende Monolog wurde dadurch nicht ganz jugendfrei. Ein noch dreisterer Pedaljunkie boxte mich rigoros zur Seite, um anschließend mit seinen Rückennummernsicherheitsnadeln meine verschorften Sturzverletzungen aufzureißen. Aua!!! Ein sehr beherzter Tritt in seinen Allerwertesten brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Weg hier, aber schnell...

Kurz hinter der Verpflegungsstelle nutzte ich eine scheinbar günstige Gelegenheit, um körperliche Bedürfnisse zu verrichten. Danach stürzte ich mich in die Abfahrt. Diese sollte vorerst nicht lange dauern. Ein Carabinieri stoppte mich und das nachfolgende Feld abrupt nach einer Serpentine. Leider war ein Mitstreiter schwer gestürzt und musste nun mit dem Hubschrauber geborgen werden. Der Helikopter kreiste bereits einige Minuten über unseren Köpfen. Im wartenden Feld begannen nun die philosophischen Ergüsse. „Warum geht 's denn nicht weiter?" „Räumt den doch einfach weg." „Selber schuld." „Jetzt kann ich die 10 Stunden vergessen!" ... Sehr schlimm, diese Sichtweise und ich schäme mich dafür, dass ich den gleichen Sport betreibe, wie diese gehirnamputierten Knallidioten. Leute, die gestürzte Person ist ein Sportkamerad von uns, und jeder sollte froh darüber sein, dass ihm dass nicht selbst widerfahren ist. Hoffentlich geht es dem Gestürzten schon wieder besser. Alles Gute von hier! Nach einer gefühlten Ewigkeit ging die Hast weiter. Organisatorisch war es wohl nicht anders zu machen, als die ganze aufgestaute Herde auf einmal wieder los zu schicken. Das war nun wirklich suboptimal. Eine Ideallinie konnte nun niemand fahren, und langsame Fahrer waren ein fast unüberwindbares Hindernis. Dazu kam der sehr schlechte Straßenbelag. Die Straße bestand aus zwei Decken, die in der Mitte auseinandergerissen war. Nach meiner Einschätzung passte hier locker ein Vorderrad rein und hätte einen schönen Sturz verursacht. In der Abfahrt, kurz vor St. Leonard, passierte es dann. Meinem Nebenmann platze der Schlauch im Reifen. Glücklicherweise konnte er es aber aussteuern und verhinderte dadurch einen weiteren Massensturz. Bereits beim Jeantex-Transalp konnte ich einige Reifenplatzer in den Abfahrten miterleben. Die Felgen erwärmen sich sehr stark durch die andauernde Reibung mit den Bremsbelägen. Dadurch wird der Schlauch erhitzt und platzt am Übergang Schlauch / Felge. Deshalb lieber das Rad laufen lassen und punktuell kurz und kräftig vor einer Kehre anbremsen, anstatt den gesamten Berg, mit angezogener Bremse runterzurollen. Irgendwann war dann auch St. Leonard erreicht und es ging in den finalen Anstieg. Das Teil heißt: Timmelsjoch. Den bin ich bereits von dieser Seite abgefahren, aber noch nie mit dem Rennrad hochgefahren. Laut Schilderungen beginnt hier das Leiden. Ich kurbelte 36/21, denn unten war es noch halbwegs flach. Erst nachdem St. Leonard verlassen war, nahmen die Steigungsprozente zu. Meine Schaltung fing wieder an Schwierigkeiten zu machen, die Gänge wechselten - ohne mein Dazutun wie von Geisterhand. Verdammt, hätte ich die Schaltung nach der Anreise nur sorgfältiger geprüft, oder zumindest ein kurze Probefahrt gemacht. Eine Weiterfahrt war absolut nicht mehr möglich. Zur Einstellung benötigte ich dringend eine weitere Person, die zumindest meinen Hinterrad hochhalten konnte, damit ich die Kurbel drehen, schalten und das Schaltwerk nachstellen konnte. Etliche Minuten später kamen mir zwei Wanderer entgegen. Die mussten jetzt herhalten. Ich drehte ordentlich an der Schaltungsjustierschraube und fragte mich, wie sich die Schaltung nur so sehr verstellen konnte? Irgendwann ging es weiter und hinter Moos wurde die Strasse schrecklich schief. Erstmals schaute ich auf eine Kirchturmuhr, es war 13:50 Uhr, und etwa 190 km lagen bereits hinter mir. Bis zur Passhöhe waren es „nur" noch 26 km. Auf der linken Straßenseite befand sich ein kleiner Schotterparkplatz mit einer Handvoll Zuschauer, die uns ausgiebig anfeuerten. Ich hielt an, um ein weiteres Tütchen Magnesiumpulver in meine Trinkflasche zu füllen. Die italienischen Tifosi halfen mir mit ein wenig Aqua aus. Danke! Viele Minuten später erreichte ich die letzte große Labestation. Noch einmal die Flaschen nachfüllen und versuchen zu essen. Wirklich viel konnte mein Magen nun nicht mehr aufnehmen. Ich beschränkte mich auf ein wenig Obst und spülte es mit einem Becher Cola runter. Nun hatten wir die Baum- und Kuhgrenze erreicht. Die Straße machte einen langgezogenen Bogen über einen Bach, und ich konnte den weiteren Verlauf im nackten Felsmassiv erahnen. Sonnenstrahlen erwärmten meinen Körper und auf den benachbarten Gipfeln machten sich Gletschergebiete breit. Dahinter musste sich das sagenumwobene Taka-Tuka-Land befinden. Es wurde sehr einsam, obwohl sich viele Radsportler in meiner Nähe befanden. Unterhaltungen fanden schon lange nicht mehr statt, jeder hatte sein Kreuz zu tragen. Es kam einer Prozession gleich. Inmitten dieser Lethargie tauchte der finale Tunnel auf. Das Kap Hoorn der Timmelsjochbezwinger. Nach 2:27:51 Stunden war ich oben. Es folgte ein kurzes Flachstück und die Timmelsjochhütte, dann ging es hinab. Kurz vor der Gegensteigung erreichte ich meine Höchstgeschwindigkeit. Der Tacho signalisierte 108,6 km/h. Schnell noch den Gegenanstieg mit der Mautstation erklommen und ab nach Sölden. In der Abfahrt konnte ich eine weitere Gruppe vor mir erreichen und abhängen. Ich finishte in 9:42:59 Stunden.

Im Zielbereich traf ich Schorsch samt Anhang. Sein Schwager P. B. aus W. hatte zwei Minuten vor mir das Ziel erreicht. Glückwunsch! Ich parkte meinen Hightechboliden und gab meinen Transponder ab. Vor lauter Dankbarkeit bekam ich 10 €uro retour und ein Ötztaler-Radmarathon-Finishertrikot in Größe „S". Ich nahm den beschwerlichen Rückweg (16 % Steigung) zum Hotel in Angriff. Vor dem Hotel saßen unsere Vermieter samt Bekannter und tranken Williamsbirnenschnaps von Pircher. Ich war der erste Hotelgast, der die Tour heute beendet hatte. Bereitwillig stand ich Rede und Antwort und wurde, aus Dankbarkeit, mit Alkohol abgefüllt. Als ich mich duschfertig machte, trudelte Ralf ein. Er benötigte 10:14:03 Stunden und dadurch stand es in der Hotelländerwertung: Deutschland - Ungarn 2 : 0, denn von den Puszta-Boys war noch nichts zu sehen. Ralf sprang in Badewanne und ich unter die Dusche. Nachdem wir bereits wieder angezogen waren, tauchte Thomas (11:02:42 Stunden) auf. Anja ließ noch auf sich warten, und wir waren gespannt, wie es ihr nach der nächtlichen Exkursion ergangen war. Irgendwann erschien auch sie (10:25:43 Stunden). Klar, Frauen und speziell Anja, müssen immer mit Hans & Franz über Gott und die Welt philosophieren. So bei ihr geschehen. Jeder schilderte seine Erlebnisse, die ganz individuell erlebt wurden. Das wichtigste ist jedoch, dass jeder ohne Sturz oder sonstige Blessuren und Schwierigkeiten durchgekommen ist. Was alles passieren kann, wird einem erst bewusst, wenn etwas passiert ist. Der Rennradgott war heute RSC-Fan.

In unseren Denkzentralen übernahm der Hunger das Kommando, und wir machten uns auf den Abstieg zur Pasta-Party samt Siegerehrung. Wir überquerten die Hauptstraße, und es kamen immer noch reichlich Radfahrer ins Ziel. Sie waren schwer vermummt, es war bereits wieder kalt geworden. In der Freizeitarena lief bereits die Verköstigung. Es gab einmal mehr Nudeln mit Bolognese, Meeresgetier und was weiß ich. Meeresgetier fiel flach und nur der Hunger führte die Gabel noch zu meinem Mund. Die Siegerehrung war sehr, sehr langatmig und total langweilig. Der Tiroler Humor traf nicht unseren Geschmack, denn der letzte Finisher wurde - unter seinem Protest hereingebeten und mit einer Wurstkette ausgezeichnet. Hier wäre Fingerspitzengefühl gefragt gewesen. Für mich war es nicht mehr auszuhalten, und ich verließ mit Thomas vorzeitig die Zeremonie. Wir erwarben auf dem Heimweg einige Flaschen Bier und Cola, um unseren privaten Abschluss im elitären Kreis zu forcieren.

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